Reizdarmsyndrom

Ulrike Thieme, MD

Medizinisch geprüft von

Ulrike Thieme, Ärztin

Bauchschmerzen, Blähungen, Verstopfung und Durchfall gehören zum Alltag für Menschen mit Reizdarmsyndrom – einer häufig chronischen, oft stressbedingten funktionellen Darmstörung ohne klaren Befund. Im Darm lassen sich trotz unangenehmer Beschwerden meist keine krankhaften Veränderungen feststellen. Etwa 17% der Menschen in Deutschland leiden unter Reizdarmsyndrom. Frauen im Alter von 20-30 Jahren sind dabei etwa doppelt so häufig betroffen wie Männer im selben Alter.

Inhalt
reizdarm ohne logo

Wurde die Diagnose Reizdarm gestellt und sind andere Erkrankungen ausgeschlossen, bessern sich die Symptome meist durch eine Umstellung der Ernährung und die Vergabe von verdauungsfördernden Medikamenten und Probiotika (z.B. Kefir oder Joghurt). Da unser Verdauungssystem auf Stress und psychische Belastungen reagiert, sind auch psychotherapeutische Beratung oder Maßnahmen zur Stressreduzierung wie Yoga oder Meditation sinnvoll.

Reizdarm, Colon irritable, irritable bowel syndrom – Was ist der Unterschied?

Die Begriffe Reizdarmsyndrom, Reizdarm und Colon irritable oder auf Englisch irritable bowel syndrome meinen alle das gleiche. Reizdarmsyndrom ist der fachlich korrekte Begriff. Die Bezeichnung Syndrom steht für das Auftreten unterschiedlicher Symptome in allen möglichen Kombinationen: Manchmal sind das Verstopfung und Durchfall am selben Tag, andere Patienten haben Blähungen, wieder andere Bauchschmerzen. Ein Reizdarmsyndrom liegt vor, wenn Beschwerden drei Monate oder länger andauern.

Wie entsteht ein Reizdarm?

Die Entstehung des Reizdarmes ist multifaktoriell. Das bedeutet, dass verschiedene Faktoren die Entstehung des Syndroms gemeinsam begünstigen. Zum einen vermutet man eine Herabsetzung der Schmerzgrenze im Magen-Darm-Trakt. Dadurch entsteht schon bei geringer Dehnung der Darmwände ein Schmerzreiz. Während gesunde Menschen das nicht einmal bemerken, besitzen Patienten mit Reizdarmsyndrom eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit.

Es wird davon ausgegangen, dass bei Patienten mit Reizdarmsyndrom auch die Darmbewegungen gestört sein könnten. Dadurch wird die verdaute Nahrung nicht optimal weiterbefördert. Die Darmmuskulatur arbeitet entweder zu schnell, zieht sich zu langsam zusammen oder entspannt sich nicht richtig.

Das führt zu einer schnelleren Passage des Nahrungsbreis, dem dadurch im Dickdarm nicht genügend Wasser entzogen wird. Die Folge: Durchfall. Arbeitet die Darmmuskulatur zu langsam, kommt es zu Verstopfung. Zusätzlich kann es zu einem Aufsteigen von Gasen aus dem Zwölffingerdarm zurück in den Magen kommen, was ein Völlegefühl und einen Blähbauch zur Folge hat. Nach neuen Erkenntnissen könnten auch Aromastoffe in der Nahrung zu Reizdarmproblemen führen.

Stress als Auslöser

Darmflora (Mikrobiom), Darm-Nervensystem und unser zentrales Nervensystem beeinflussen sich gegenseitig. Das nennt man Mikrobiom-Darm-Hirn-Achse, was bedeutet, dass sich Darm und Gehirn gegenseitig beeinflussen. Das könnte erklären, warum Reizdarmpatienten in der Regel über eine Verschlimmerung der Symptomatik unter psychischen Stresssituationen berichten.

Wer leidet besonders häufig unter einem Reizdarmsyndrom?

Der Reizdarm ist mit etwa 30 Prozent der erwachsenen Bevölkerung eine relativ häufige Erkrankung in westlichen Ländern. Da viele Patienten nicht zum Arzt gehen, kann die tatsächliche Zahl der Erkrankten durchaus höher sein. In Deutschland haben etwa 17 Prozent der Erwachsenen und 5 Prozent der Kinder und Jugendlichen Reizdarmsymptome.

Zwei Drittel der Betroffenen sind Frauen, meist im Alter von 20-30 Jahren, wofür unterschiedliche Gründe angenommen werden. So suchen Frauen wegen Darmbeschwerden eher einen Arzt auf. Männern ist es häufig unangenehm, Verdauungsprobleme anzusprechen, weshalb die Zahl der Erkrankten vermutlich höher ist.

Typische Symptome

Patienten mit Reizdarmsyndrom leiden unter den unterschiedlichsten Verdauungsbeschwerden. Zu den häufigsten Symptomen zählen:

  • Übelkeit
  • Blähungen
  • Druck- und Völlegefühl
  • Bauchkrämpfe und -schmerzen
  • Durchfall oder Verstopfung
  • aufgeblähter Bauch (Meteorismus)
  • Aufstoßen
  • Sodbrennen

Die individuelle Symptomatik kann sich im Lauf der Zeit deutlich verändern und recht unterschiedlich ausgeprägt sein.

In manchen Fällen kommt es zusätzlich zu Kopfschmerzen, Schlafproblemen, Konzentrationsstörungen und Beschwerden beim Wasserlassen. Frauen leiden oftmals besonders während der Menstruation unter ausgeprägten Schmerzen und einer Verschlimmerung der Symptomatik.

Interessanterweise berichten viele Patienten von einer deutlichen Verbesserung ihrer Symptome während des Urlaubs oder bei intensiver körperlicher Arbeit. Zeitweise verschwinden die Symptome sogar völlig. Der Grund ist die oft erhebliche psychische Komponente der Erkrankung. Durch Ablenkung fokussieren sich Patienten weniger auf ihre Symptome, was eine kurzzeitige Verbesserung auslösen kann.

Von Durchfall bis Verstopfung

Reizdarmbeschwerden äußern sich häufig in einer Veränderung der Stuhlfrequenz, also wie häufig man zur Toilette muss, und der Stuhlkonsistenz. Anzeichen sind:

  • Eine auffallende Stuhlfrequenz (z.B. mehr als 3 Mal pro Tag oder weniger als 3 Mal pro Woche)
  • Das Gefühl, der Darm würde sich nicht vollständig entleeren
  • Schleimbeimengungen im Stuhlgang
  • Ständiger Drang zur Toilette gehen zu müssen

Zudem hat der Stuhlgang häufig eine sehr dünne, längliche Form oder ähnelt kleinen Kügelchen. Manchmal wechselt die Symptomatik von Verstopfung (Obstipation) zu Durchfall (Diarrhö) innerhalb desselben Tages, was stressbedingt sein kann.

Welche Erkrankungen verursachen ähnliche Beschwerden?

Bevor die Diagnose Reizdarmsyndrom gestellt wird, ist es wichtig, möglicherweise dringend behandlungsbedürftige Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen auszuschließen.

Dazu gehören die beiden chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa, die eine ähnliche Symptomatik verursachen können. Im Gegensatz zum Reizdarm haben sie eine erhebliche entzündliche Komponente, die im Blut und gegebenenfalls bei einer Darmspiegelung erkennbar ist.

Auch Nahrungsmittelunverträglichkeiten wie Laktoseintoleranz oder Zöliakie sollten ausgeschlossen werden. Einen Hinweis darauf bietet bereits die Krankengeschichte bzw. das Auftreten der Symptome nach dem Essen bestimmter Nahrungsmittel.

Weiterhin sollten Divertikulose, also eine Veränderung des Dickdarms, bei der es zu kleinen Ausstüplungen in der Darmwand kommt, und deren entzündliche, schmerzhafte Form Divertikulitis, sowie Darmkrebs ausgeschlossen werden. Auch Blut im Stuhl oder sehr dunkler Stuhlgang sollten unbedingt vom Arzt abgeklärt werden.

Durchfall, der plötzlich und vereinzelt auftritt, ist selten ein Symptom eines Reizdarms, sondern meist eine einfache Durchfallerkrankung, besonders in Kombination mit Fieber und Erbrechen.

Wichtig: Einige Medikamente können als Nebenwirkung ähnliche Symptome verursachen wie das Reizdarmsyndrom. So verursachen Antibiotika beispielsweise häufig Durchfall. Auch bei der Einnahme der Pille kann es zu Durchfall oder Verstopfung kommen. Sollten Sie einen Zusammenhang zwischen der Einnahme eines Medikaments und dem Auftreten von Verdauungsbeschwerden bemerken, wenden Sie sich bitte an einen Arzt.

Diagnose

Reizdarmsymptome und deren Intensität unterscheiden sich von Mensch zu Mensch. Deshalb wird das Reizdarmsyndrom anhand einer Ausschlussdiagnose festgestellt. Das bedeutet, dass zunächst alle möglichen infrage kommenden Erkrankungen abgeklärt werden, bis am Ende als mögliche Ursache nur noch der Reizdarm übrig bleibt.

Am wichtigsten für die Diagnosestellung ist die Anamnese. Patienten klären gemeinsam mit ihrem Arzt, welche Trigger, also Auslöser, für bestimmte Symptome wie zum Beispiel Durchfall oder Bauchkrämpfe die Ursache sein können. Auch Dauer und Beginn bestimmter Beschwerden geben wichtige Aufschlüsse. Für viele Patienten ist es ein gutes Gefühl, nach meist monatelangem Leidensdruck endlich Bescheid zu wissen.

Zum Ausschluss anderer Darmerkrankungen wird auch eine Stuhlprobe gemacht, um möglicherweise Blut oder Erreger im Stuhl zu erkennen. Weiterhin sollte eine Blutentnahme erfolgen, um die Entzündungsparameter und die Zellzusammensetzung zu beurteilen. Zudem sollte eine rektale Untersuchung zur Beurteilung des Enddarms erfolgen.

Die Notwendigkeit weiterer Untersuchungen wird vom behandelnden Arzt individuell beurteilt.

Therapiemöglichkeiten

Die verschiedenen Symptome des Reizdarms können unterschiedlich behandelt werden.

Ernährung umstellen

Empfohlen wird eine ausgewogene, darmschonende Ernährung mit reichlich Ballaststoffen und regelmäßigen Mahlzeiten. Zusätzlich sollte ausreichend Flüssigkeit getrunken werden, vorzugsweise ungesüßte Getränke ohne Kohlensäure wie Wasser oder Tee. Das führt schon oft zu einer deutlichen Verbesserung.

Vielleicht besprechen Sie mit Ihrem Arzt auch eine FODMAP-Diät. FODMAP steht für Oligosaccharide, Disaccharide, Monosaccharide und Polyole. Das sind Kohlenhydrate in Lebensmitteln, die während der Verdauung im Darm verstärkt Gase produzieren. Diese belasten den Reizdarm zusätzlich und können Durchfall, Blähungen und Schmerzen auslösen. Beispielsweise finden sich FODMAPs in Äpfel, Birnen und Pflaumen. Auch der Genuss von Spargel, Kichererbsen, Avocado und glutenhaltigen Lebensmitteln wie Weizen- oder Roggenbrot sollte reduziert werden. FODMAP-arme Lebensmittel, die bei Reizdarm normalerweise besser vertragen werden, sind unter anderem Zucchini, Karotten, Kürbis, Kartoffeln, Brokkoli, Fenchel und Salat, aber auch Hirse, Quinoa, Amaranth, mageres Fleisch und Fisch.

Stress reduzieren

Extreme Stresssituationen und belastende Lebensereignisse führen häufig zu einer Verstärkung der Symptome. Einfach erlernbare Entspannungstechniken, wie Yoga, Tai-Chi, Meditation oder progressive Muskelentspannung führen oft zu einer allgemeinen Linderung der Beschwerden. Eine Psychotherapie kann bei zusätzlichen Belastungsfaktoren und einer ausgeprägten psychischen Komponente unter Umständen ratsam sein.

Medikamente und pflanzliche Mittel

Die Verschreibung von Medikamenten zur Behandlung des Reizdarms ist umstritten. Die Therapieoptionen reichen von pflanzlichen Mitteln bis hin zu neueren Medikamenten, deren Wirksamkeit für den Reizdarm nicht immer belegt ist.

Mögliche Ansätze für Medikamente ergeben sich je nachdem, welche Beschwerden besonders belastend erscheinen. Die Behandlung reicht von pflanzlichen Mitteln wie Iberogast zur Verbesserung der allgemeinen Beschwerden über entschäumende Medikamente zur Linderung des Völlegefühls bis hin zur gezielten Behandlung von Verstopfung beziehungsweise Durchfall.

Probiotika

Die Darmflora enthält verschiedene Bakterien, die für die Funktion des Darms wichtig sind. Dazu gehören u.a. Milchsäurebakterien (Laktobazillen) und Bifidobakterien, weshalb vermutet wird, dass Probiotika wie Kefir oder Joghurt, die solche Bakterien enthalten, hilfreich sein könnten.

Ist das Reizdarmsyndrom heilbar?

Durch eine passende Therapie und psychische Ausgeglichenheit können sich die Symptome des Reizdarms deutlich verbessern. Allerdings kann die Symptomatik ein Leben lang bestehen bleiben und durch geeignete Ernährung und Medikation nur bedingt gelindert werden.

Hat ein Reizdarm langfristig gesundheitliche Folgen?

Dem aktuellen Forschungsstand zufolge gibt es keine Anzeichen dafür, dass ein Reizdarmsyndrom langfristig gesundheitsgefährdende Veränderungen der Darmstruktur zur Folge haben kann. Es können beim Reizdarmsyndrom weder eine entzündliche Komponente noch Veränderungen in der Darmschleimhaut nachgewiesen werden.

Vermutet wird derzeit ein möglicher Zusammenhang mit der Entstehung von Divertikeln, also kleinen Ausstülpungen der Darmschleimhaut aufgrund von chronischer Verstopfung. Divertikel verursachen zunächst keine Beschwerden. Erst wenn sie sich entzünden, kann das zu Schmerzen und Blut im Stuhl führen. Eine solche Entzündung bezeichnet man als Divertikulitis, eine wichtige Differenzialdiagnose des Reizdarms.

Wird der Reizdarm nicht behandelt oder bessert sich trotz guter Therapie nur unzureichend, kann das unter Umständen zu erhöhten psychischen Belastungen wie verminderter Stresstoleranz und Schlaflosigkeit führen. In solchen Fällen kann eine Verhaltenstherapie beim Umgang mit der Erkrankung helfen.

ulrike-thieme.png
Medizinisch geprüft von:
Ulrike Thieme, Ärztin

Ulrike Thieme ist seit 2018 Teil des deutschen Ärzteteams bei Zava. Ihre Facharztweiterbildung im Bereich Neurologie schloss sie 2018 ab. Vor ihrer Tätigkeit bei Zava arbeitete Ulrike Thieme an einem klinischen Forschungsprojekt über neurodegenerative Erkrankungen am National Hospital for Neurology and Neurosurgery, London.

Lernen Sie unsere Ärzte kennen
Alle Sprechstunden auf einen Blick
Zu den Behandlungen



Kundenrezensionen
trustpilot-ratings-5-star (5508)
trustpilot-ratings-4-star von Gina, 22 Mai 2020
Ansich alles prima geklappt nur ein wenig zu teuer meiner Meinung
trustpilot-ratings-5-star von Deniz Coskun, 10 Mai 2020
Sehr gut. Hat alles bestens geklappt.
trustpilot-ratings-5-star von Kaktus Hase, 29 Mai 2020
Schnell - freundlich - kompetent ❗️ Meine bisherige Erfahrung (über Jahre) ist tadellos. Sowohl die Beratung, als auch die Antworten bei Rückfragen, sind sachlich und ohne, für mich erkennbare, Verkaufsabsichten bzw Produktwerbung. Ich erwähne das, weil es schon fast ein Alleinstellungsmerkmal ist. 👍 Mein Vorschlag - Macht weiter so❗️
trustpilot-ratings-5-star von Zürcher Manfred, 26 Mai 2020
Alles gut abgelaufen
trustpilot-ratings-5-star von Sara, 13 Mai 2020
Alles super, wie immer! Merci.


Gütesiegel