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Die Digitalisierung macht auch vor dem Gesundheitssektor nicht halt. Das ist gut, denn ohne sie wären viele Gesundheitssysteme bald überlastet. Dieser Report bietet einen Überblick über die Chancen der Telemedizin, das steigende Interesse der Patienten in Deutschland und Gründe, warum Deutschland im Vergleich mit europäischen Nachbarländern wie Estland oder Dänemark noch im „analogen“ Gesundheitswesen lebt.

Auch auf Risiken und begründete Bedenken gegenüber der digitalen Technik geht dieser Report ein, zeigt aber gleichzeitig, welche Potenziale sich schon in wenigen Jahren für Patienten, Ärzte und Forschung auftun könnten. Wie andere Bereiche des Arbeitsmarktes, verändert die Digitalisierung auch das Gesundheitswesen grundlegend. Wie dies die Arbeit von Ärzten beeinflusst, welche neuen Fähigkeiten Medizinpersonal erlernen müssen und welche Berufszweige sich in der Zukunft im Gesundheitssektor ergeben werden, schildert der letzte Teil des Reports.

Übersicht Telemedizin

Die Telemedizin ist eine Chance, die immer größer werdenden Lücken in unseren Gesundheitssystemen zu schließen und Kosten zu senken. Konkret kann Telemedizin dem Fachkräftemangel entgegenwirken, Klinikeinweisungen verringern und gleichzeitig die Patientenbetreuung verbessern.

Da 80 Prozent der EU-Bürger einer gemeinsamen Nutzung ihrer Daten zustimmen, steigt die Akzeptanz von eHealth- und telemedizinischen Diensten in der Bevölkerung. Im April 2020 nahm das ohnehin schon stetig wachsende Interesse an der Video-Sprechstunde schlagartig um noch einmal mehr als 1.000 Prozent zu. Dies zeigt, dass noch viele Potenziale der Telemedizin ungenutzt sind, aber auch, wozu sie fähig ist. Genau diese Potenziale und Wachstumschancen sind es, die den digitalen Gesundheitsmarkt in Deutschland bis zum Jahr 2025 auf 38 Milliarden Euro wachsen lassen werden.

Wie sich das Suchverhalten nach medizinischen Dienstleistungen während der Corona-Krise verändert hat und ob sich die Video-Sprechstunde in Deutschland auch langfristig durchsetzen kann, erfahren Sie in der Telemedizin-Übersicht.

eHealth in Europa

Die europäischen Staaten sind sehr unterschiedlich weit im Ausbau ihrer digitalen Gesundheitssysteme, oder anders gesagt: Wir sind noch sehr weit entfernt vom „single digital market“. Zu den Spitzenreitern gehören Estland und viele skandinavische Länder, die bereits vor einigen Jahren die gesetzlichen Grundlagen zur Digitalisierung im Gesundheitssektor gelegt haben. Darauf aufbauend wurden Infrastrukturen geschaffen, die jetzt flächendeckend von Ärzten, Kliniken und Patienten genutzt werden.

Deutschland ist hier noch nicht soweit. Der Grund: Strenge Datenschutzrichtlinien hemmen Gesetzesneuerungen und somit die legale Grundlage zur Digitalisierung des Gesundheitssystems. Im Gegenzug sind personenbezogene Gesundheitsdaten in Deutschland auch am sichersten, wie ein internationaler Test auf Ad Tracker auf öffentlichen Gesundheitsseiten in sechs europäischen Ländern bewies. In Irland wurden mit 73 Prozent der getesteten Webseiten die meisten persönliche Daten gesammelt, in Deutschland kam dies nur in 33 Prozent der Fälle vor.

Der Digitalisierungsgrad eines nationalen Gesundheitssystems wird am sogenannten Digital Health Index gemessen, der sich aus dem Durchschnittswert der Schaffung legaler Grundlagen (Digital Policy), einer digitalen Infrastruktur (Digital Health Readiness) und der sich daraus ergebenden Nutzung der Daten von Ärzten und Patienten (Actual Use of Data) errechnet. Alle Faktoren werden als Wert zwischen 0 (wenig) und 100 (vollständig) angegeben.

Was unterscheidet also Estland (mit einem Digital Health Index von knapp 82) von Deutschland (30) und wie kann Deutschland hier aufholen?

Ein interaktives Tool bietet Ihnen die Möglichkeit, 14 europäische Länder miteinander zu vergleichen.

Technologie

Da die Künstliche Intelligenz (KI) in der Lage ist, bei der Diagnose, (Fern)-Behandlung und Forschung zu helfen, ist es bemerkenswert, dass 57 Prozent der Patienten sehr offen für eine zweite KI-Meinung zu sein scheinen – solange auch ein menschlicher Arzt beteiligt ist. Patienten in ga nz Europa sind bereit, persönliche Gesundheitsdaten durch Wearables und Apps weiterzugeben; allerdings haben mehrere Länder derzeit Mühe, eine gründliche Datenschutzpolitik umzusetzen.

Schließlich haben angesichts des prognostizierten Wachstums des eHealth-Marktes in den nächsten fünf Jahren Tech-Giganten wie Google, Microsoft und Tencent den Markt untereinander aufgeteilt. Spannende Forschungsprojekte lassen darauf schließen, dass in weniger als fünf Jahren Künstliche Intelligenz zusammen mit Telemedizin die Lebensqualität von Patienten nach einer Intensivbehandlung massiv verbessern kann. Künstliche Intelligenz lehrt sich selbst, zu lernen. So soll durch anonymisierte Datenauswertung KI schon bald anhand von Veränderungen der Gehirnströmungen Krankheiten wie Alzheimers erkennen, noch bevor ein Arzt anhand von Verhaltensauffälligkeiten diese Diagnose treffen könnte.

Weitere spannende Forschungsprojekte, die mithilfe von digitalen Technologien unsere Gesundheit unterstützen können, können Sie in diesem Teil des Reports entdecken.

Berufe und Fähigkeiten

Im Gesundheitssektor wird es, wo nötig, eine Verschiebung der Aufgaben geben. Traditionelle Arbeitsplätze werden aufgrund der Vermischung von Fähigkeiten Grenzen überschreiten, und Innovation wird uns neue Berufe und Karrieren eröffnen. Das Berufsbild des Arztes erlebt durch die neuen technologischen Möglichkeiten eine Verschiebung. Denn ein Arzt empfängt seine Patienten nicht mehr ausschließlich in seiner Praxis, sondern spricht auch zunehmend via Webcam mit ihnen und führt Ferndiagnosen durch. Vom Arzt zum Online-Arzt: Besonders die psychotherapeutische Patientenbetreuung kann durch den Ausgleich regionaler Missverhältnisse zwischen Anbietern und Patienten verbessert werden. Welche neuen Vorteile und Herausforderungen bringt diese Entwicklung mit sich? Wie haben sich Tätigkeitsfelder von Ärzten und Krankenschwestern in den letzten Jahren verändert? Darüber hinaus werfen wir einen Blick auf die Evolution des Arbeitsmarkts. Wir gehen der Frage nach, welche neuen Berufe durch eHealth entstehen und wie die nötigen Fähigkeiten vermittelt werden.

Wissen Sie, was ein Digital Health Professional, ein Prozessmanager für digitale Gesundheit oder ein Systemarchitekt für digitale Gesundheit in der Zukunft tun wird?

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Update für das Gesundheitssystem in Deutschland

Überblick: Telemedizin

Digitalisierung schreibt sich mit kleinem e: eSport, eGovernment, eHealth. Traditionelle Offline-Bereiche bekommen ein Update. Für den Gesundheitssektor bedeutet das digitale Hilfsmittel in die Fürsorge zu integrieren. Der Begriff „Telemedizin“ beschreibt konkret den Einsatz von Telekommunikation bei der Diagnostik sowie der Therapie von Krankheiten. Telemedizin kann sich sowohl auf klinische Ferndienste beziehen als auch auf medizinische Fortbildungen.

Der digitale Arztbesuch ermöglicht eine ortsunabhängige Beratung über Videotelefonie, Chat und Apps. Das spart Zeit und Kosten – vor allem dadurch, dass Patienten gar nicht erst in die Praxis, die Notaufnahme oder die Pflegeeinrichtung gehen müssen. Dadurch lassen sich verschiedene Herausforderungen angehen, wie z. B. Fachkräftemangel, lange Wartezeiten auf einen Arzttermin bzw. im Wartezimmer sowie regionale Unterschiede in der Ärzteversorgung.

Herausforderung des deutschen Gesundheitssystems
Potenzial von eHealth
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Fachkräftemangel: 13 von 16 Bundesländern haben einen hohen Mangel an Gesundheitspersonal. Nur in Sachsen-Anhalt, Bremen und Hamburg ist die Versorgung gesichert.
30 Prozent weniger Klinikeinweisungen durch Telemedizin – z. B. bei Herzinsuffizienz-Patienten. Räumlich getrennte Ärzte und Spezialisten können durch den schnelleren Datenaustausch eine Zweitmeinung einholen.
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2 von 3 Patienten sind unzufrieden mit der ärztlichen Behandlung – Hauptgründe: mangelnde Zeit des Arztes und Öffnungszeiten.
2020: hohe Zufriedenheit der Deutschen mit Videosprechstunden – 4 von 5 würden sie gerne erneut nutzen. Flexiblere Sprechzeiten und ortsunabhängige Beratungen gehören zu den Vorteilen.
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Wartezeiten: 2019 müssen laut KBV zweimal mehr Patienten länger als 3 Wochen auf einen Termin beim Arzt warten als noch vor 10 Jahren.
3 von 4 Vorsorgeterminen können durch Telemedizin wegfallen. Dadurch kommen Patienten schneller an einen Termin und Ärzte haben mehr Zeit pro Patienten. Jeder dritte Patient wartet zwischen 30 und 60 Minuten beim Arzt. Die Zeit vor der Videosprechstunde lässt sich produktiver gestalten als im Wartezimmer.
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Steigende Kosten im Gesundheitssystem: In den letzten 10 Jahren erhöhten sich die Gesamtausgaben der Krankenkassen für ärztliche Behandlungskosten um 50 Prozent.
Erfahrungen aus der Schweiz zeigen, dass Krankenversicherungen mit Telemedizin bis zu 17 Prozent ambulanter Behandlungskosten einsparen. Zusätzlich ließen sich durch die eAkte 6,4 Mrd. Euro im Bundeshaushalt sparen.
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Selbstzahlender Patient: In Deutschland nutzt jeder Zweite eine App für Gesundheit, Fitness oder Ernährung.
Digitales Versorgungsgesetz: Ab 2020 gibt es Apps auf Rezept. Künftig darf ein Arzt auf Kosten der Krankenkasse Gesundheitsapps verschreiben.
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Regionale Unterschiede in der Ärzteversorgung: Es kommen z. B. in Coburg 80 Ärzte auf 100.000 Einwohner; in Heidelberg sind es 400 Ärzte (alle Arztgruppen inkl. Psychotherapeuten).
Das Angebot an Online-Ärzten gleicht deutliche regionale Unterschiede wieder aus.
Potenzial von eHealth
30 Prozent weniger Klinikeinweisungen durch Telemedizin – z. B. bei Herzinsuffizienz-Patienten. Räumlich getrennte Ärzte und Spezialisten können durch den schnelleren Datenaustausch eine Zweitmeinung einholen.
2020: hohe Zufriedenheit der Deutschen mit Videosprechstunden – 4 von 5 würden sie gerne erneut nutzen. Flexiblere Sprechzeiten und ortsunabhängige Beratungen gehören zu den Vorteilen.
3 von 4 Vorsorgeterminen können durch Telemedizin wegfallen. Dadurch kommen Patienten schneller an einen Termin und Ärzte haben mehr Zeit pro Patienten. Jeder dritte Patient wartet zwischen 30 und 60 Minuten beim Arzt. Die Zeit vor der Videosprechstunde lässt sich produktiver gestalten als im Wartezimmer.
Erfahrungen aus der Schweiz zeigen, dass Krankenversicherungen mit Telemedizin bis zu 17 Prozent ambulanter Behandlungskosten einsparen. Zusätzlich ließen sich durch die eAkte 6,4 Mrd. Euro im Bundeshaushalt sparen.
Digitales Versorgungsgesetz: Ab 2020 gibt es Apps auf Rezept. Künftig darf ein Arzt auf Kosten der Krankenkasse Gesundheitsapps verschreiben.
Das Angebot an Online-Ärzten gleicht deutliche regionale Unterschiede wieder aus.
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Hilfe, Dr. Google!

Massiver Anstieg der Online-Suchanfragen nach Gesundheitsthemen

Immer mehr Patienten suchen im Internet nach Gesundheitsthemen. Jede 20. Google-Suchanfrage hat inzwischen einen gesundheitlichen Hintergrund. Ob zur Selbstdiagnose oder als Zweitmeinung, im Schnitt googeln 50 Prozent der Patienten nach dem Arztbesuch noch im Internet. Sie möchten Informationen besser verstehen oder vertiefen.

Der Wunsch nach Online-Angeboten im Gesundheitssektor spiegelt sich in den Begriffen wider, die Patienten immer häufiger per Google-Suche aufrufen. Beispielsweise suchen Menschen nach Möglichkeiten, einen Arzt über eine Online-Sprechstunde zu konsultieren. In der vorliegenden Untersuchung ließen sich 163 Suchbegriffe sinngemäß zu „Online Doktor“ zusammenfassen. Mit 194.850 Suchanfragen bei Google zu diesen Begriffen hat das Interesse im März 2020 seinen Höhepunkt erreicht. Doch schon im April sank die Nachfrage nach Begriffen wie „Online Arzt“ oder „Doktor online“ um fast die Hälfte ab (45 Prozent).

Gründe hierfür können sein, dass sich Arbeitgeber und Gesellschaft auf die neuen Bedingungen während der Corona-Pandemie eingestellt haben (Homeoffice, Hygienevorschriften usw.) Dadurch kam es zu weniger Infektionen und Unsicherheiten.

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Der Durchschnittsdeutsche kommt auf zehn Arztbesuche im Jahr. Seit Beginn der COVID-19 Pandemie erfolgten sechs bis acht dieser Beratungen digital. Langfristig wird sich die Zahl der Vor-Ort-Arztbesuche bei vier bis fünf pro Jahr einpendeln.

Die Digitalisierung setzt sich durch im Patienten- und Arzt-Alltag: Telemedizinische Beratung und Behandlung sind nicht nur bequemer und zeitsparender, sondern auch sicherer.“

Zava CEO – David Meinertz

Langfristiger Anstieg der Online-Suchanfragen nach Gesundheitsthemen

online arzt

sprechstunde online

videosprechstunde

telemedizin

online arzt chat

online rezept

krankschreibung online

Daten aus Google AdWords im Juni 2020
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Kurzfristige Entwicklung populärer Google-Suchen – Wird die Video-Sprechstunde bleiben?

Im März 2020 stieg die Suche nach „Sprechstunde online“ von 140 auf 27.100 Suchen an. Das ist eine Steigerung von fast 20.000 Prozent. Im April waren es sogar 33.100 Anfragen. Auch die Suche nach Videosprechstunden nahm bei Google um über 1.000 Prozent zu. Im Vergleich zum Vorjahr 2019 stieg auch die Suche nach „Online Krankschreibung“ um über 800 Prozent an. Welche weiteren interessanten Entwicklungen haben sich während der Corona-Krise gezeigt?

Kurzfristiger Anstieg der Online-Suchanfragen nach Gesundheitsthemen

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videosprechstunde

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Daten aus Google AdWords im Mai 2020
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Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Corona-Krise das Suchverhalten der Deutschen stark beeinflusst hat. Um Infektionen im Wartezimmer zu vermeiden, war der Erhalt einer Krankschreibung ohne persönliche Vorstellung zeitweise möglich – und dadurch deutlich vereinfacht worden. Manche der durch die Corona-Krise bedingten Schwankungen im Suchverhalten glichen sich im April wieder an. So suchten Patienten im März deutlich öfter nach Begriffen wie „Dr online“, „Online Arzt“ oder „Online Doktor“, hier sank das Suchinteresse jedoch im April wieder bis fast auf das Niveau von Februar.

Wie COVID-19 die Einführung von Telemedizin beschleunigt

Nutzung von Videosprechstunden um mehr als 1.000 Prozent gestiegen

Der Druck auf Gesundheitssysteme weltweit wächst stetig. Gestiegene Lebenserwartungen, Kosten, die durch nicht übertragbare Krankheiten und Herz-Kreislauf-Krankheiten entstehen, sowie ein weit verbreiteter Mangel an Medizin- und Pflegepersonal fordern das Gesundheitswesen. Nicht zuletzt der Ausbruch des neuartigen Coronavirus (COVID-19) stellt die Gesundheitssysteme vor eine riesige Herausforderung.

Einige dieser Hürden lassen sich durch neue Technologien bewältigen. Dazu gehören Künstliche Intelligenz, Telemedizin und die stärkere Nutzung von Wearables und Gesundheitsapps von Patienten, die damit proaktiv ihre Gesundheitsdaten teilen. Besonders die Corona-Krise hat die Akzeptanz einiger dieser Technologien beschleunigt. So wünschten sich im März 2020 66 Prozent der Befragten in Deutschland Videosprechstunden bei ihrem Arzt, wie eine Umfrage des Digitalverbandes Bitkom ergab. Im gleichen Monat des Vorjahres waren es noch 30 Prozent.

Online-Sprechstunden sind im Moment besonders hilfreich, um die medizinische Versorgung zu gewährleisten und gleichzeitig Patienten, Ärzte und Pflegende zu schützen. Sie ermöglichen eine ärztliche Beratung, ohne Neuinfektionen zu riskieren.

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Schätzungen der KBV zufolge nutzen derzeit rund 25.000 Arztpraxen die Videosprechstunde und damit etwa ein Viertel aller Praxen. Das sei ein Anstieg von rund 1.370 Prozent. Noch bis Ende Februar dieses Jahres hätten lediglich 1.700 Praxen Videosprechstunden angeboten.“

Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), 30. April 2020

Aufgrund der Corona-Krise hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) Hürden für Arztpraxen ad hoc ausgesetzt. Das macht es den Ärzten in weiten Teilen Deutschlands sehr einfach, in das Thema Videosprechstunde einzusteigen. Bislang durften Ärzte und Psychotherapeuten höchstens zwanzig Prozent ihrer Behandlungen als Videosprechstunde abrechnen – diese Deckelung fällt seit April 2020 zeitweise weg.

Dass die Anmeldungen für Videosprechstunden von Arztpraxen innerhalb weniger Wochen über 1.000 Prozent gestiegen sind, zeigt, dass viele Arztpraxen bisher keine Fernbehandlung angeboten haben. Nicht zuletzt, weil die Gesetzeslage erst 2018 den Weg geebnet hat.

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Der Bundesverband Gesundheits-IT (bvitg) befürwortet die Entscheidung des Bundesgesundheitsministeriums für eine „Corona-Tracing-App“.

Gleichzeitig appelliert der Verband an alle Akteure, den Dialog über Gesundheitsdaten und ethisch vertretbare Nutzungen weiterzuführen.“

Bundesverband Gesundheits-IT

Die Corona-App ist aus Datenschutzgründen ein vieldiskutiertes Thema. Seit ihrem Release Anfang Juni haben 13 Millionen Deutsche die App bereits heruntergeladen. Dies entspricht 15,6 Prozent der Bevölkerung (Stand: 25.6.2020). Dies zeigt ebenfalls, wie stark die COVID-19-Krise Einfluss auf die Beschleunigung der eHealth-Etablierung in Deutschland hat.

Globale Ausgaben für Telemedizin

Nordamerika dominiert den Telemedizinmarkt, Wachstum für Europa bis 2025 prognostiziert

Der Telemedizin-Markt ist in vier große geografische Regionen unterteilt: Nordamerika, Europa, Asien-Pazifik und der Rest der Welt. Im Jahr 2019 hatte Nordamerika den größten Anteil des Telemedizinmarktes inne.

Einer aktuellen Studie von Fortune Business zufolge soll der globale Telemedizinmarkt mit einer jährlichen Rate von 23,5 Prozent wachsen. Bis 2026 soll er ein Volumen von 170 Milliarden Euro (186 Milliarden US-Dollar) erreichen. Das deutsche Marktvolumen steigt, laut Schätzung des Roland-Berger-Instituts, bis 2025 auf 38 Milliarden Euro an. Für die Europäische Union prognostiziert die gleiche Studie ein Marktwachstum auf 155 Milliarden Euro.

Prognostiziertes Wachstum der eHealth-Branche Deutschland, Europa und weltweit (Euro)

Here goes chart...
Quelle: Fortune Business, 2020
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Die steigende Nachfrage nach besserer Gesundheitsversorgung macht die Branche zu einem attraktiven Ziel für führende Technologieunternehmen weltweit. Die aktivsten Technologiegiganten, die in Start-ups aus der digitalen Gesundheitsbranche investieren, sind Google, Microsoft (beide USA) und Tencent (China). Diese drei Unternehmen repräsentieren über 70 Prozent der Geschäfte im Bereich der digitalen Gesundheit.

Quellen:
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eHealth in Europa als Antwort auf Herausforderungen im Gesundheitswesen

Vorreiter Estland und Skandinavien

Seit über 15 Jahren steht das Thema eHealth in Europa auf der Agenda. Eine internationale Vergleichsstudie der Bertelsmann-Stiftung befand bereits Ende 2018, dass die Bundesregierung bei der Digitalisierung des deutschen Gesundheitssystems hinterherhinkt. 17 Länder wurden in einem Digital Health Index verglichen und Deutschland landete auf Platz 16. Vorne platzierten sich skandinavische Nationen und Pioniere wie Estland und Kanada. Die dortige Verfügbarkeits- und Nutzungsrate telemedizinischer Anwendungen liegt bei bis zu 75 Prozent. Im europäischen Vergleich liegt Deutschland mit knapp 30 Prozent unter dem EU-weiten Durchschnitt.

Digital Health Index – So digital sind Deutschlands Nachbarn

Datenschutz größte Hürde bei der Einführung einer digitalen Strategie im deutschen Gesundheitswesen

Während Deutschland sich Gedanken über die Digitalisierung der Gesundheitsdaten macht, sind eRezepte und Videosprechstunden für andere längst Alltag. Der Digital Health Index wird aus drei Größen berechnet: Digital Policy, Digital Health Readiness und Actual Use of Data.

  • 1. Digital Policy: Ein digitales Gesundheitssystem erfordert eine einheitliche Strategie, ein dediziertes Budget, sowie eine Stelle, die für die Erreichung dieser Ziele verantwortlich ist.
  • 2. Digital Health Readiness: Auf die Strategie folgt die Implementierung einer technischen Infrastruktur für das digitale Gesundheitssystem. Diese ermöglicht das elektronische Speichern von Gesundheitsangaben unter Einhaltung der Datenschutzauflagen.
  • 3. Actual Use of Data: Unter diesem Punkt wurde bei einzelnen Ländern untersucht, ob sie digitale Gesundheitsdienste wie die elektronische Gesundheitsakte oder eRezepte bereits standardmäßig nutzen.

Digital Health Index in 14 europäischen Staaten

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Estland hat den höchsten Digital Health Index. Die interaktive Grafik zeigt, dass das Land eine klare digitale Strategie und die technische Infrastruktur besitzt. Die Datennutzung war zum Zeitpunkt der Studie (2018) zu knapp 72 Prozent verbreitet. Fällt der Blick dagegen auf Deutschland, Frankreich oder auch Polen, zeichnet sich der Zusammenhang zwischen der mangelnden Strategie und der fehlenden Infrastruktur deutlich ab. Als Folge ist die Datennutzung – also die Anwendung des digitalen Gesundheitssystems – hier auch noch wenig verbreitet.

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Im Vergleich zu anderen europäischen Staaten hat Deutschland im Bereich der eHealth-Anwendungen noch erheblichen Nachholbedarf.“

OECD/European Observatory on Health Systems and Policies (2019)

Der europäischen Kommission zufolge weist Deutschland einen vergleichsweise geringen Digitalisierungsgrad auf. Es liegt vor allem an der fehlenden, beziehungsweise späten Digitalstrategie und langsamen technischen Implementierung der technischen Infrastruktur. Einer der Gründe hierfür sind die sehr strengen Datenschutzbestimmungen in Deutschland.

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Die Einhaltung der Datenschutzvorgaben in Deutschland ist im internationalen Vergleich eine besondere Herausforderung: Der deutsche Gesetzgeber hat von einigen Öffnungsklauseln der DSGVO Gebrauch gemacht und die betreffenden Vorschriften im neuen Bundesdatenschutzgesetz strenger geregelt. Hinzu kommen zahlreiche Bundes- und Landesgesetze, die spezielle Regelungen insbesondere auch für den Gesundheitsdatenschutz festlegen.

Die Tatsache, dass jedes Bundesland über eine eigene Datenschutzbehörde verfügt, die die Umsetzung des Datenschutzes streng kontrolliert, führt zu zusätzlichen Unwägbarkeiten in der Anwendung und Auslegung der Datenschutzvorgaben.“

Zava – Legal Team

Elektronische Patientenakten und eRezepte sind derzeit nur vereinzelt verfügbar. Erst ab 2021 sollen sie verpflichtend in ganz Deutschland sein. Jens Spahn, der Gesundheitsminister in Deutschland war, als das Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) 2019 vom Bundestag verabschiedet wurde, betont aktuell, dass Deutschland nicht in allen Punkten der digitalen Gesundheitsversorgung hinterherhinkt: Die Apps auf Rezept sind eine Weltpremiere. Nirgendwo anders können sich gesetzlich Versicherte in dieser Form eine Gesundheitsapp vom Arzt verschreiben lassen. Diese Möglichkeit wurde mit dem DVG für geprüfte Apps eingeführt.

Datenschutz sensibler Gesundheitsdaten in Europa

DSGVO (GDPR) Bestimmungen für Gesundheitsdaten in den Händen der Länder

Sensible Gesundheitsdaten einer Person gelten laut EU-Recht als „spezielle Kategorie“ der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO). Sie sind somit durch Artikel 9 des GDPR Gesetzes geschützt. Der Software-Anbieter cookiebot untersuchte 2019 bei sechs EU-Staaten den Datenschutz von Webseiten mit Gesundheitsinformationen, darunter auch Deutschland.

15 Fragen führten in der jeweiligen Landessprache zu Webseiten, die Internetnutzer besuchen würden, um offizielle Gesundheitsinformationen zu erhalten. In dem Vergleich von sechs Ländern schnitt Deutschland am besten ab. Dennoch wurden auch dort auf jeder dritten Seite Datenlecks für sensible Daten entdeckt. Diese lassen Rückschlüsse auf personelle Daten zu. In der Regel werden sie weiterverkauft, um Webseiten-Besucher erneut anzusprechen. Viele 3rd Party Website Plugins verdienen so ihr Geld.

Offizielle Regierungswebseiten mit Gesundheitsinformationen, auf denen Ad-Tracker zur Datensammlung entdeckt wurden

Quelle: cookiebot „Ad Tech Surveillance on the Public Sector Web“, 2019.
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Quellen:
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Künstliche Intelligenz bereichert Diagnostik, Behandlung und Forschung

Potenziale internationaler Forschung und Datenauswertung

Wir werden immer älter – aber auch kränker. Die Vereinten Nationen schätzen, dass sich in den nächsten 30 Jahren die Zahl der Personen über 65 Jahre verdoppelt wird. Gesundheitssysteme können das langfristig nur mit Fokus auf Prävention und mit günstigeren Behandlungsmethoden stemmen. Investitionen in Forschung und neue Technologien steigen daher von Jahr zu Jahr. Der Wert des globalen digitalen Gesundheitsmarkts wuchs von 144,2 Milliarden USD (2018) auf geschätzte 206 Milliarden USD (bis Ende 2020). Nicht nur klassische Medizinanbieter, sondern auch alle bekannten Tech-Riesen beteiligen sich an dem Rennen. Immer mehr Bürger sehen den Nutzen von eHealth-Angeboten und sind bereit, ihre Gesundheitsdaten zu teilen.

Big Data: Der mündige Patient trägt durch Wearables und mobile Apps zum Daten-Pool bei

65 Prozent der Deutschen nutzen Gesundheitsapps auf dem Smartphone

Neue Technologien unterstützen Patienten nicht nur bei der Informationssuche und der Terminvereinbarungen beim Spezialisten. Mobile Apps erinnern an die Medikamenteneinnahme und helfen Menschen beim Tracken ihrer Gesundheitsdaten. Der Trend, dass Patienten selbst zum Sammeln der Daten beitragen, nennt sich auch „Self Tracking“ oder „Quantified Self“.

Schon heute gibt es mehr als 300.000 Gesundheits- und Wellness-Apps. Deren weltweiter Umsatz hat sich in den letzten Jahren verdoppelt und beträgt mittlerweile mehr als 40 Milliarden Euro.

Laut einer aktuellen Bitkom-Umfrage nutzen 65 Prozent der befragten Deutschen Gesundheitsapps auf dem Smartphone. Die meisten nehmen informative Apps in Anspruch (25 Prozent) oder können sich dies zumindest vorstellen (26 Prozent). Auf Platz zwei befinden sich Tracking-Apps, mit denen sich Gesundheitsdaten erfassen lassen (24 Prozent) – diese in Zukunft zu nutzen, können sich sogar 28 Prozent vorstellen. Apps, die Ideen oder konkrete Anleitungen für Fitness-Workouts bieten, nutzen 17 Prozent; 26 Prozent ziehen es in Erwägung.

Die Umfrageergebnisse geben außerdem Aufschluss darüber, warum Personen Gesundheitsapps nutzen. Über die Hälfte der Befragten (53 Prozent) gab an, ihr Training optimiert zu haben. 46 Prozent bewegen sich dank Gesundheitsapps mehr; 44 Prozent wissen besser über ihren Körper und Gesundheitszustand Bescheid. Auch das Thema Ernährung und Abnehmen spielt eine Rolle: 34 Prozent ernähren sich nach eigenen Angaben gesünder und 29 Prozent konnten ihr Gewicht reduzieren.

Vor- und Nachteile von künstlicher Intelligenz im Gesundheitswesen

KI benötigt echte Daten, Schutz vor (Daten)-Diebstahl und -Missbrauch besonders wichtig

Die Zusammenarbeit des ambulanten und stationären Sektors kann durch KI deutlich erleichtert werden. Außerdem können Kosten eingespart werden, denn Gesundheitsapps können teure Analysegeräte vor Ort ersetzen. Da KI nicht ermüdet und auch keine Pausen benötigt, trägt sie zu schnelleren, kostengünstigeren und zuverlässigeren Diagnosen bei. Doch genau hier liegt auch ihre Schwachstelle: Die Zuverlässigkeit von KI in der Diagnostik hängt stark davon ab, mit welchen Daten sie trainiert wurde. Laut einer Studie des Virchowbundes kann der Einsatz in der Diagnostik nur gelingen, wenn der Algorithmus von Anfang an mit realen Daten versorgt wird und Ärzte ihre Erfahrung einbringen und den Lernerfolg ständig überwachen.

Aus den Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes und der IT-Sicherheit ergeben sich auch ethische Fragen: Was passiert, wenn Daten in die falschen Hände gelangen? Auch die Sorge, dass große Datenmengen dazu genutzt werden, bestimmte Gruppen zu diskriminieren, ist berechtigt. Somit ist in einem digitalen Gesundheitskonzept vor allem der Schutz vor Missbrauch und Diebstahl der Daten zu berücksichtigen.

Künstliche Intelligenz wird bereits in der Verwaltung eingesetzt

In der Diagnostik und bei der Patientenbehandlung herrscht noch Skepsis

Obwohl sich 64 Prozent der Ärzte gern auf KI in administrativen Dingen verlassen, ist der Einsatz in der Diagnostik und bei der Patientenbehandlung noch ausbaufähig. Eine aktuelle Studie belegt, dass KI sich in mehreren Diagnostik-Tests gegen Spezialisten durchgesetzt hat. Beispielsweise konnten Forscher von Google und der Northwestern University im US-Staat Illinois zeigen, dass KI CT-Bilder zum Lungenkrebs-Screening teilweise besser auswerten konnte als Radiologen. Durch den Einsatz von KI verbesserten sich die Genauigkeit, Konsistenz und Akzeptanz der Screenings.

Im Allgemeinen herrscht jedoch Skepsis darüber, wie die zu Zwecken der Diagnostik eingesetzte KI trainiert wurde. Personen aus Wissenschaftskreisen fordern, einen einheitlichen, transparenten Studienaufbau für diese Vergleiche zu gestalten. Patienten stehen der künstlichen Intelligenz in der Diagnostik offen gegenüber, solange sie zur Zweitmeinung eingesetzt wird.

57 Prozent der Deutschen wollen KI als verpflichtende Zweitmeinung bei ärztlichen Diagnosen

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Quelle: BVDW
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Telemedizin und KI in der Nachversorgung

ERIC-Projekt (Enhanced Recovery after Intensive Care)

Die derzeit wohl beste Anwendung für telemedizinische Software – neben der ortsunabhängigen Behandlung – ist die Remote-Patientenüberwachung. Durch diese sind Patienten je nach Krankheitsbild weniger auf die physische Präsenz des Arztes angewiesen. Mit dem Aufstieg des Einsatzes von KI-Innovationen scheinen die Möglichkeiten, das Wohlbefinden eines Patienten aus der Ferne zu überprüfen, praktisch unbegrenzt. Das Projekt „Enhanced Recovery after Intensive Care“ (kurz ERIC) der Charité Berlin hat das Ziel, durch Telemedizin und Informationsübermittlung negative Langzeitfolgen einer Intensivbehandlung zu minimieren. Außerdem soll es die Genesung fördern und die individuelle Lebensqualität von Patienten nach einem Eingriff steigern. Das Konzept wurde von führenden Kliniken, Biometrikern und Gesundheitsökonomen entwickelt und soll nach einer dreijährigen Testphase Versorgungsstandard werden.

  • Jährlich 2,1 Millionen Patienten auf Intensivstationen behandelt
  • Mögliche Langzeitfolgen für Patienten: Organfunktionsstörungen, kognitive Störungen und Mobilitätsverlust
  • Individualmedizinische und ökonomische Versorgungslücken lassen sich durch ein telemedizinisches Konzept schließen – bei verbesserter Behandlungsqualität

Einen anderen Ansatz verfolgen sogenannte Brain-Computer-Interfaces, also Implantate, die das menschliche Gehirn mittels künstlicher Intelligenz mit Computern verbinden. Das von Elon Musk ins Leben gerufene Unternehmen Neuralink möchte auf diese Weise Patienten mit einer Hirnschädigung – nach einem Schlaganfall oder einem Unfall – helfen. Hierzu soll ein in die Schädeldecke eingelassenes Implantat durch Elektroden mit Gehirnregionen interagieren und deren Aktivitäten „lesen“ können. Dies kann laut Firmenchef Elon Musk den Sehnerv, das Gehör oder das Motorik-Zentrum des Gehirns bei querschnittsgelähmten Menschen betreffen. Der Sensor soll diese Gehirnregionen über Impulse wieder anregen und so die entstandenen Schäden ausgleichen. Ein eigens dafür entwickelter Roboter soll dafür die Operation durchführen. Für Ende 2020 sind klinische Tests geplant – ob es behördlich genehmigt wird, steht allerdings noch nicht fest.

Künstliche Intelligenz bringt sich selbst bei, Daten auszuwerten

Die über Wearables gesammelten Daten lassen sich in große, anonymisierte Datensets zusammenführen. Die Auswertung erfolgt mithilfe von künstlicher Intelligenz. Dies liefert neue Erkenntnisse, die der Frühdiagnose von Krankheiten und Epidemien dienen. Außerdem analysiert KI große Datensätze schnell und genau – und erkennt kleinste Anomalien, die dem menschlichen Auge verborgen bleiben. Auch in der Forschung und Entwicklung neuer Medikamente kommt künstliche Intelligenz zum Einsatz. Dabei lernt KI durch Machine Learning – der Prozess der automatischen Wissensgenerierung aus Erfahrungswerten – stets dazu.

An der Berliner Charité wird künstliche Intelligenz im Rahmen des Forschungsprojekts „TrueBrainConnect“ eingesetzt, um per Elektroenzephalografie oder kurz „EEG“ (eine Methode zur Messung der Gehirnaktivität) aufgezeichnete Neuroimaging-Daten auszuwerten. So möchten Forscher anhand von Hirnströmen Erkrankungen des Gehirns vorhersagen, noch bevor Patienten erste Verhaltensauffälligkeiten zeigen. Dies ist besonders in Anbetracht des demografischen Wandels weltweit ein wichtiger Forschungsbereich.

Die neue TrueBrainConnect-Methode soll in der Lage sein, neuronale Muster darzustellen, auf denen Erkrankungen wie Demenz oder Parkinson basieren. Wesentliche Ziele dabei sind unter anderem das Erkennen von Krankheitsvorboten sowie die Abgrenzung verschiedener Formen von Demenz.

In welche Sektoren investieren die Global (Tech) Player?

Der Einfluss von eHealth-Anwendungen im Gesundheitssystem ist auch finanzieller Natur, wenn sich z. B. Kosten durch Automatisierungen einsparen lassen. Das macht den Bereich für Gründer und Investoren aus der Tech-Branche zu einem attraktiven Ziel. Auf globaler Bühne präsentieren sich Google, Microsoft und Tencent als die aktivsten Investoren in Gesundheits-Start-ups. Wie eine Studie von CB Insights aufzeigt, setzen sie dabei unterschiedliche Schwerpunkte: Während Google sich in den letzten Jahren verstärkt auf tart-ups fokussierte, die Patientendaten für Künstliche Intelligenzen sammeln, setzte Microsoft vermehrt auf die Patientenüberwachung aus der Ferne. Der Konkurrent aus China, Tencent, investierte in letzter Zeit als einziger in Telemedizin. Im Mittelpunkt standen dabei die klinische Forschung und administrative Tools wie z. B. Patienten-Chats. Doch es gibt auch Bereiche, in denen alle drei Unternehmen in der Vergangenheit größere Investitionen getätigt haben, etwa in Data Management und Analytics.

In diese Sektoren investieren die größten Tech-Giganten

Telemedizin
Remote Patienten-
Überwachung
Personelle Gesundheitsdaten
Data Management & Analytics
  • Google
  • Microsoft
  • Tencent
Quelle: CB Insights, Where Tech Giants Are Betting On Digital Health (Okt. 2019)
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Andere Tech-Giganten wie Apple oder Amazon investieren noch vergleichsweise geringe Summen in die genannten Bereiche. Neue Erkenntnisse aus der COVID-19-Krise zeigen aber, dass die Unternehmen im Health-Bereich stärker zusammenarbeiten wollen. So können z. B. Daten aus digitalen Sprachassistenten wie Alexa für Gesundheitsanwendungen genutzt werden.

Die deutsche Start-up-Szene ist (noch) eher zurückhaltend

Ein Blick auf die deutsche Start-up-Szene zeigt, dass die Gesundheitsbranche noch nicht so stark boomt wie auf der globalen Bühne: Laut dem Deutschen Startup Monitor (DSM) stieg der Anteil an Gründungen im Medizin- und Gesundheitswesen nicht. 2018 und 2019 betrug er jeweils 8,5 Prozent von allen Start-up-Gründungen in Deutschland. Dennoch gab es auch auf dem deutschen eHealth-Markt Anfang 2020 einige größere Investitionen. Mit jeweils sechs Millionen Euro erhielten die beiden Berliner Start-Ups Medloop und Selfapy größere Finanzierungsrunden. Das Münchner Unternehmen Temedica erhielt Anfang 2020 Investitionsgelder in Höhe von 17 Millionen Euro. Der deutsche eHealth-Markt mag zwar noch nicht boomen, jedoch wächst er stetig.

Quellen:
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Neue Berufe: Wo Tech und Pflege aufeinandertreffen

Der Fachkräftemangel muss behoben werden

Der Mangel an Gesundheitspersonal wird sich in den kommenden Jahren verstärken. Denn es fehlen nicht nur geschulte Pfleger, sondern auch Fachpersonal mit medizinischem und technischem Wissen. Daher ist eine neue Verteilung von Aufgaben erforderlich, um das Gesundheitssystem effizienter zu gestalten und die Versorgung zu verbessern. Beispielsweise könnten in Zukunft Krankenpfleger und Apotheker neue Verantwortungsgebiete übernehmen, um so zukünftige Versorgungslücken zu verhindern. Die dafür nötigen Skills müssen im Vorfeld vermittelt werden.

Task Shifting und Skill Mixing im Europäischen Gesundheitssystem

Enhancement, Substitution und Innovation

Task Shifting, Skill Mixing, europäisches Gesundheitssystem, Enhancement

Enhancement

Es kommen neue Aufgaben und Verantwortungsbereiche hinzu (Tasks und Skills)

Task Shifting, Skill Mixing, europäisches Gesundheitssystem, Substitution

Substitution

Neue Verantwortungsbereiche überschreiten „traditionelle“ Grenzen (z. B. Doktor / Pfleger)

Task Shifting, Skill Mixing, europäisches Gesundheitssystem, Innovation

Innovation

Neue Stellen / Berufsbilder kommen hinzu

Der „Online-Doktor“: Neue Kompetenzbereiche für Ärzte

Viele Ärzte, die ihre Patienten bislang traditionell in Praxen behandelt haben, sehen sich durch die neuen Möglichkeiten von eHealth mit neuen Aufgaben und Arbeitsabläufen konfrontiert. Via Online-Sprechstunde können Patienten seit April 2017 auf Kosten der Krankenkasse mit ihrem Arzt aus der Ferne sprechen. Für Patienten ist dieser „virtuelle Arztbesuch“ besonders komfortabel und – gerade zu Zeiten von COVID-19 – vermeintlich sicher. Für Ärzte bedeutet die Entwicklung hin zum virtuellen Arztbesuch zunächst, sich mit der nötigen Technologie auseinanderzusetzen und reibungslose Abläufe sicherzustellen. Dr. Jürgen Kolbeck erklärt, was sich am Berufsbild des Arztes außerdem ändert.

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In allen Bereichen der Medizin werden sich telemedizinische Techniken durchsetzen, sei es das präoperative Aufklärungsgespräch, die Zweitmeinung beim Experten oder die Behandlung von einfachen Infekten im hausärztlichen Rahmen. Besondere Bedeutung erhalten sie bei psychotherapeutischen Leistungen, wo es erhebliche regionale Missverhältnisse zwischen Anbietern und Patienten zu überbrücken gilt.“

Zava – Dr. med. Jürgen Kolbeck (Fachgebiet: Innere Medizin)

Neue Berufsbilder im digitalen Gesundheitswesen Deutschland

Neue und spannende Tätigkeitsfelder ergeben sich aus den bestehenden Herausforderungen des Gesundheitssystems sowie den technischen Lösungen, die sich ständig weiterentwickeln. So schnell wie die technische Evolution ist das Bildungssystem jedoch nicht. In Deutschland gibt es noch keinen Studiengang zur Telemedizin. Notwendiges Wissen zu neuen Techniken erhalten Interessenten derzeit in freiwilligen Fortbildungen.

Um die Entwicklung voranzutreiben, hat die Münch Stiftung im Februar 2020 ein Reformpapier veröffentlicht, das Entscheidungsträger zur digitalen Transformation im Gesundheitswesen berät. Sie plädiert für die Etablierung von drei neuen Gesundheitsberufen in Deutschland: Die Fachkraft für digitale Gesundheit, den Prozessmanager für digitale Gesundheit und den Systemarchitekten für digitale Gesundheit.

Fachkraft für digitale Gesundheit – nah am Menschen

Nah am Patienten und mit digitaler Technik vertraut, übernimmt die Fachkraft für digitale Gesundheit Aufgaben aus der traditionellen Krankenpflege. Gleichzeitig beschäftigt sie sich mit zusätzlichen Verantwortungsgebieten in der Datenpflege und der Kommunikation mit Patienten. Sie vernetzt Patienten, Dienstleister und technisches Know-how in allen medizinischen Einrichtungen, wie der Arztpraxis, dem Krankenhaus oder der Rehaklinik.

Tätigkeiten:

  • Betreuung und Routineversorgung einzelner Patienten
  • Suche nach individuellen Versorgungswegen
  • Heranführung der Patienten an digitale Technologien
  • Pflege der Gesundheitsdaten und der elektronischen Patientenakte

Fähigkeiten:

  • Grundlagenwissen im medizinisch-pflegerischen Bereich
  • Technisches Know-how

Prozessmanager für digitale Gesundheit – der Vermittler und Planer

Auf Optimierung bedacht, plant der Prozessmanager Abläufe, erstellt neue Prozesse und kümmert sich um deren Einführung und Machbarkeit. Ein abstraktes Denkvermögen sowie gleichzeitig ein Verständnis für medizinische Abläufe muss der Prozessmanager mitbringen, um die Interessen der Klinik, des Personals und der Patienten zu berücksichtigen.

In einem Krankenhaus, bei einer Krankenkasse oder in der Forschung setzt er die vom Systemarchitekten vorgegeben Strategien im Alltag um, passt sie in Zusammenarbeit mit Ärzten, Pflegern oder auch IT-Verantwortlichen den hauseigenen Möglichkeiten an und prüft sie.

Tätigkeiten:

  • Implementierung neuer Prozesse zur Versorgung von Patienten
  • Entwicklung von medizinischen und pflegerischen Abläufen und Überwachung von deren Aufrechterhaltung
  • Einführung digitaler Gesundheitstechnologien basierend auf einer Gruppe an Patienten

Fähigkeiten:

  • Verständnis medizinisch-pflegerischer Prozesse
  • Sehr gute Organisations- und Abstraktionsfähigkeit
  • Starke Kommunikationsfähigkeit, um mit allen Beteiligten eines Prozesses zu agieren und deren Bedürfnisse zu verstehen

Systemarchitekt für digitale Gesundheit – der Changemanager

Der Systemarchitekt gibt die Strategie für die digitale Transformation vor. Er verantwortet die Einhaltung der Datenstandards, beaufsichtigt einzelne Prozesse und sorgt durch den Einsatz von Synergiepotenzialen dafür, dass alle Prozesse auf ein großes Ziel abzielen.

Als Vermittler zwischen verschiedenen Sektoren kann der Systemarchitekt einer externen Beratungsfirma angehören, die eine Klinik oder eine Arztpraxis zurate zieht. Andere Schnittstellen wie Krankenkassen oder Pharmaunternehmen sind ebenfalls am Systemarchitekten interessiert.

Tätigkeiten:

  • Überwachung der Einhaltung der Datenstandards
  • Überblicken von Einzelprozesse in jeder Projektphase, jedoch nicht zwingend Beteiligung an deren operativer Durchführung
  • Erkennen von Potenzialen und strategisches Schaffen von Synergien

Fähigkeiten:

  • Umfangreiches medizinisches Fachwissen
  • Stark ausgeprägtes technologisches Wissen, ständig auf dem neuesten Stand
  • Stark ausgeprägte kommunikative Fähigkeiten und strategisches Denkvermögen

Skillset neue digitale Healthcare Berufe

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Quelle: Stiftung Münch, 2020
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Data Analyst – kreativer Problemlöser

Ein Data Analyst stellt Entscheidungsträgern unternehmensweit Daten zur Verfügung, die er mit seinem pragmatischen, technischen und analytischen Fachwissen gewonnen hat. Gemeinsam mit mehreren Stakeholdern arbeitet ein Data Analyst daran, die Qualität der klinischen Abläufe, die Patientensicherheit und Effizienz zu verbessern. Auf dem Gebiet von Big Data, Machine Learning und der natürlichen Sprachverarbeitung sollte ein Data Analyst sich zu Hause sein fühlen.

Tätigkeiten:

  • Strukturelle und inhaltliche Analyse medizinischer Datensätze mit dem Ziel der Prozessoptimierung
  • Strategische Datenerhebung und -gewinnung aus internen und externen Quellen
  • Visualisierung der Ergebnisse und Ableitung von Handlungsempfehlungen

Fähigkeiten:

  • Statistik- und Datenbankkenntnisse
  • Konzeptrationsfähigkeit
  • Analytisches Denken

Ausbildung und Qualifikation

Es gibt verschiedene Möglichkeiten sich für diese neuen Berufe zu qualifizieren. Bereits im Berufsleben stehendes Pflegepersonal, Therapeuten und Gesundheitswissenschaftler mit einem Bachelorabschluss können eine Weiter- und Sekundärqualifizierung absolvieren. Diese eignet sich vor allem für Berufstätige in patientennahen Tätigkeiten.

Ein neuer Bachelorstudiengang, der Studierende zielgerichtet auf die neuen Berufsfelder vorbereitet, ist in einer zweiten Phase denkbar. Ein ähnlicher Weg der Akademisierung erfolgt im Gesundheitswesen bereits in der Pflege und für Hebammen.

Gleichzeitig bietet die Digitalisierung des Gesundheitswesens vielen Menschen, mit digitalen und analytischen Fähigkeiten aus anderen Berufsfeldern, die Möglichkeit quer einzusteigen. Dies lässt auf spannende und flexiblere Berufswege hoffen.

Quellen: